Frag die Somm: Antworten auf deine Fragen rund um Wein
Frankreichs Weinwelt ist geprägt von jahrhundertealten Traditionen, großer Vielfalt und einer Genusskultur, in der Wein bis heute eine besondere Rolle spielt. Doch was steckt eigentlich hinter so manchen bekannten Weinweisheiten?
Sommelière und Fachdozentin Conny Ganß geht drei spannenden Fragen auf den Grund: Warum gibt es in Frankreich so viele unterschiedliche Schaumweine? Wird Rotwein tatsächlich besser, je länger er reift? Und warum harmonieren französische Weine so gut mit Essen?
Dazu gibt es Hintergründe, praktische Tipps und Weinwissen, das nicht nur für mehr Durchblick sorgt, sondern spätestens beim nächsten Weineinkauf oder Restaurantbesuch ganz praktisch werden kann. Santé!
Warum gibt es in Frankreich so viele Schaumweine?
Wer bei Frankreich und Schaumwein zuerst an Champagne denkt, liegt natürlich nicht falsch. Aber eben auch nur teilweise richtig. Denn die französische Schaumweinwelt ist viel größer – und vor allem älter und vielfältiger, als viele vielleicht im ersten Moment wahrnehmen.
Fast jede Weinregion Frankreichs hat ihre eigene Schaumweintradition. Crémant, Pét-Nat und Co. sind also weit mehr als nur Alternativen zur berühmten Champagne. Sie erzählen ihre ganz eigene Geschichte.
© Victoria Krafft
„Warum gibt es ausgerechnet in Frankreich so viele unterschiedliche Schaumweine?“
Es ist kein Zufall, dass uns heute so viele hochwertige, individuelle und charaktergeprägte Perl- und Schaumweine aus Frankreich zur Verfügung stehen. Wein hatte über Jahrhunderte hinweg einen enormen Stellenwert in der Gesellschaft. Er war nicht nur Genussmittel, sondern auch Statussymbol. Mit einem gewissen gesellschaftlichen Status war Wein schlichtweg selbstverständlich. So entstanden über die Jahrhunderte hinweg auch die ersten „Markenprodukte“, wenn man so möchte. Eine Kategorie hob sich dabei auf besonders beeindruckende und vielfältige Art hervor: die perlenden und schäumenden Weine, die wir bis heute genießen.
Hinzu kommen in Frankreich die unterschiedlichsten Böden, Klimazonen, Landschaften und Bedingungen. Das sorgt für enorme Vielfalt bei den Weinsorten und auch bei den Schaumweinen.
„Aber hat nicht die Champagne den Schaumwein erfunden?“
Nicht ganz. Die ersten perlenden Weine Frankreichs stammen aus Limoux im Süden des Landes. Hier entstand fast 200 Jahre vor den ersten bewusst schäumenden Champagnern ein Schaumweinstil, der heute viele Fans hat und immer noch als Vorbild für unzählige Weingüter gilt. Umso schöner ist die wieder auflebende Begeisterung für „Pétillant Naturel“ & Co., die mitunter die ältesten der Welt sind.
„Und was macht diese Vielfalt heute so spannend?“
Frankreich bietet Schaumweine für ganz unterschiedliche Geschmäcker, Gelegenheiten und auch Budgets.
Crémant, Pét-Nat & Co. zeigen mit ihren vielen Interpretationen, wie unterschiedlich Frankreich prickeln kann. Um die Stärken Frankreichs mit seiner langen Tradition, seinem Handwerk und den unterschiedlichsten Stilen weiß man, und genau das wird geschätzt. Ich würde sogar so weit gehen, dass man bei diesem Punkt schon fast blind vertraut.
Auch dass die französische Perl- und Schaumweinlandschaft bis heute andere Weinregionen dieser Welt inspiriert, ist ein Beweis dafür, wie wichtig genau diese Expertise ist.
© Victoria Krafft
„Crémant, Champagne, Pét-Nat – was ist eigentlich der Unterschied?“
Champagne darf nur aus der Weinbauregion Champagne in Frankreich kommen und wird nach klar definierten und sehr strengen Vorgaben hergestellt. Ein wichtiger Schlüssel dabei ist die zweite Gärung in der Flasche: Hier entsteht die natürliche Kohlensäure, die wir später als feine Perlage im Glas wahrnehmen. In der Fachsprache nennt man diese Herstellungsart „traditionelle Flaschengärung“.
Crémant folgt ebenfalls der traditionellen Flaschengärung und weiteren klaren Regulierungen, stammt aber aus anderen französischen Weinregionen wie dem Elsass, Bordeaux, der Loire oder dem Burgund.
Pét-Nat – kurz für Pétillant Naturel – geht einen anderen Weg: Hier wird der Wein noch während seiner ersten Gärung in die Flasche gefüllt und gärt dort weiter. Die Kohlensäure entsteht also ganz natürlich aus dieser einen Gärung. Das Ergebnis ist meist etwas ursprünglicher, oft weniger berechenbar und genau deshalb für viele so spannend.
Du siehst: Die französische Schaumweinwelt ist fast so vielfältig wie die Anlässe, zu denen man sich gerne ein Gläschen gönnt – und das in den unterschiedlichsten Preisklassen.
„Rotwein wird besser, je älter er ist.“ – ein klares Jein!
Nicht jeder Rotwein wird durch Lagern besser. Es stimmt: Manche französischen Weine sind genau dafür gemacht, bei anderen übersieht man dagegen gerne mal die Schönheit der Jugend. Ach, und Spoiler: Weißwein darf übrigens auch reifen. 😉
© Victoria Krafft
„Warum hält sich der Gedanke, dass Rotwein erst einmal reifen muss?“
Viele haben dieses Bild im Kopf, sobald sie einen französischen Rotwein in der Hand halten: „Oh, ein Rotwein aus Frankreich – den lege ich erst mal weg. Der muss ja noch reifen, dann wird er besser.“ Aber warum eigentlich? Und hat das wirklich speziell etwas mit französischen Rotweinen zu tun?
Die Antwort liegt unter anderem in der Geschichte. Die klimatischen Bedingungen waren schließlich nicht immer so, wie wir sie heute kennen. Früher – und ich spreche hier beispielsweise vom 19. Jahrhundert – hatte man eher das „Problem“, dass die Trauben nicht vollständig reif wurden. Gerade bei Rotweinen mit viel Tannin, also dem Gerbstoff, der einem Wein sein typisches Rotweingerüst verleiht, konnte das Ergebnis schon mal ziemlich ruppig ausfallen.
Hat man diese Weine dann für eine gewisse Zeit weggelegt, wurden sie weicher und geschmeidiger. Das ist natürlich kein Zaubermittel. Und nein: Ein Wein von minderer Qualität wird auch nach 50 Jahren Reife kein großer Wein. Das galt damals und gilt heute.
„Warum legen wir Weine dann heute überhaupt noch weg?“
Heute geht es vor allem darum, Weinen mit viel – ich sag mal – Inhalt die nötige Zeit zum Ruhen zu geben. Stellt euch einfach vor, der Wein hat ordentlich Babyspeck mit auf seine Reise bekommen, damit er nicht vom Fleisch fällt.
Genau dieser Babyspeck darf und soll sich mit der Zeit verwachsen und formen. Am Anfang wirkt alles vielleicht noch etwas üppiger und primärer. Mit etwas Geduld zeigt der Wein dann, was alles in ihm steckt und was ihm Natur und Mensch mitgegeben haben. Darum geht es heute.
„Und welche französischen Rotweine eignen sich besonders gut dafür?“
Schauen wir uns dafür kurz die Rotweinlandschaft Frankreichs an:
Bordeaux: Der große Name darf natürlich nicht fehlen und ist wie kaum eine andere Region Sinnbild für Flaschenreife. Warum? Die Rebsorten der Region, allen voran Cabernet Sauvignon, reifen spät und bringen ein straffes Tanningerüst mit. Hier liegt, wenn man so will, auch ein Ursprung dieses Gedankens. Selbst wenn die Trauben heute gut ausreifen, steht vielen dieser Weine ein bisschen Flaschenreife gut zu Gesicht.
Burgund: Hier sprechen wir vor allem von Pinot Noir, bei uns auch als Spätburgunder bekannt. Und den bitte gerne auch jung genießen! Viele übersehen den ersten schönen Moment, den ein Burgunder bereits in seiner Jugend haben kann: seine Schönheit und Strahlkraft. Idealerweise habt ihr einfach noch eine zweite Flasche, die ihr für ein paar Jahre im Keller vergessen könnt. So zumindest die Traumvorstellung.
Rhône: Wenn wir über Rotwein aus Frankreich sprechen, dürfen natürlich auch die Weine aus dem Rhône-Tal nicht fehlen. Hier ist ein gutes Mittelmaß oft die richtige Wahl. Speziell die Weine aus dem nördlichen Teil freuen sich über etwas Ruhe und kommen danach mit umso mehr Charme um die Ecke.
Aber egal, wofür ihr euch entscheidet, ein Satz gilt für mich immer: Weine mit Qualität schmecken, egal ob jung oder gereift. Ihr macht also nichts „kaputt“ – erstaunlich oft lohnt es sich aber, ein bisschen Geduld zu haben. 😉
Warum passt französischer Wein so (!) gut zum Essen?
Essen und Wein gehören in Frankreich zusammen. Das ist tief in der französischen Genusskultur und DNA verankert und wird bis heute ganz selbstverständlich gelebt. Was viele nicht wissen, dass viele Weine historisch gesehen "nur" für das perfekte Food Pairing kreiert wurden. Mit dem Blick auf die berühmte französische "Cuisine" kommt das natürlich nicht von ungefähr.
Die Kunst der französischen Genusswelt liegt für mich darin, kulinarisch anspruchsvoll zu sein, ohne kompliziert zu werden. Und genau diesem Credo folgt auch eine gelungene Wein-und-Speisen-Kombination.“
„Gibt es Weinstile, die sich besonders gut zum Essen kombinieren lassen?“
Eigentlich möchte ich am liebsten sagen: alle. Denn Frankreich bietet vom Apéro mit Champagne, Crémant & Co. über Rosé und Weißwein von trocken bis süß bis hin zur geballten Rotweinkompetenz eine enorme Bandbreite.
Und dabei galt schon von jeher: probieren statt Regeln auswendig lernen. Ein Bissen, ein Schluck Wein – schmeckt es zusammen, passt es. So einfach darf Food Pairing sein.
„Welche französischen Weine passen zu welchem Essen?“
Dafür müssen wir gar nicht zwingend in der französischen Küche bleiben. Viele französische Weine lassen sich wunderbar mit unseren heimischen Gerichten kombinieren – schließlich liegen Frankreich und Deutschland auch kulinarisch näher beieinander, als man vielleicht denkt.
Nehmen wir Käsespätzle: Dazu kann ein Gutedel oder Silvaner aus dem Elsass wunderbar funktionieren. Liegt einer unserer heimischen Süßwasserfische auf dem Teller, vielleicht kross gebratener Zander mit Zitrone und Kartoffeln serviert, wird die Loire mit ihren Weißweinen schnell zum Schlaraffenland.
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Und dann wären da Bohnen. Wahre Geschichte: Eine meiner besten Wein-und-Speisen-Kombinationen war ein Bohneneintopf mit Schweinebauch und dazu ein Champagne. Ich verspreche, es wird Euch nicht enttäuschen!
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Bei Wild darf es beispielsweise ein roter Burgunder oder Beaujolais sein. Ein saftig geschmortes Rehschäufele, mit Kartoffelknödel und Preiselbeeren dazu – wo darf ich mich hinsetzen?
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Auch Innereien haben in Deutschland eine lange kulinarische Tradition. „Nose to Tail“ würde man heute dazu sagen. Ein Rotwein aus Bordeaux kann hier ein wunderbarer Begleiter sein. Und landen gegrilltes Gemüse oder Meeresfrüchte auf dem Teller, lohnt sich ein Blick Richtung Provence mit seinen feinwürzigen Weiß-, Rosé- und Rotweinen.
Bleibt natürlich noch Käse. Und wenn du ebenfalls zur Abteilung „Mein Lieblingskäse ist Käse“ gehörst, bietet Frankreich genügend Möglichkeiten, um sich auszutoben: vom weißen Chardonnay über Süßwein bis hin zum leichtfüßigen Rotwein aus dem Jura.
Am Ende geht es beim „guten“ Food Pairing nicht darum, besonders um die Ecke gedacht zu haben, denn es muss gar nicht kompliziert sein. Frankreich liefert uns dafür eine beeindruckende Auswahl an Weinen und kulinarischen Vorbildern, die auch unsere Wein- und Speisekarten prägen. Der Rest darf ausprobiert werden – gerne auf die französische Art. 😉
Bleibt eigentlich nur noch eines zu sagen: Ausprobieren. Inspiration für den nächsten kulinarischen Moment sollte es jetzt jedenfalls genug geben.
© Victoria Krafft
Creator
Sommelière