Hübsche Roscoff Zwiebel, mon amour

Von Sandy Neumann

Herr Engelhardt nimmt das Taschenmesser aus seiner ausgebeulten Hosentasche, wischt es am Hosenbein ab und fängt an, die Zwiebel zu schälen. Nach und nach fallen die Hüllen und er hält das glänzende Ding in der Hand.

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„Jeden Tag müsst ihr eine essen, am besten so!“ Er nimmt die Zwiebel, so groß wie ein Tennisball, und beißt hinein. 

Die ganze Klasse steht im Schulgartenbeet und starrt Herrn Engelhardt an. Meine Freundin Anke schaut mich angewidert an. Die Jungs fangen an, die Zwiebeln aus der Erde zu wühlen. 

„Nichts geht über gute Zwiebeln…sie sind gesund, reinigen von innen.“ Verständnislose Augenpaare zwischen Hacken und Rechen.

Wir sind zehn Jahre alt, Schulgartenunterricht ist nicht gerade das Highlight, erst recht nicht Zwiebeln ernten. Zu Hause gibt es oft Zwiebeln. Meine Mutter legt Fleisch in Alufolie, bestreicht es mit Senf, legt grobe Zwiebelringe drauf und gibt etwas Bier dazu. Auf dem Grill werden diese Brätel saftig, zart und das Zwiebelaroma ist für mich fast so etwas wie die Madeleine für Proust. Genauso wie der Zwiebelsaft meiner Urgroßmutter, den sie mit Honig und Zitrone ansetzte und der gelöffelt wurde, wenn uns Heiserkeit und Halsweh plagten. 

„Madame, kann ich Ihnen helfen?“ 

Ich zucke zusammen und schaue wohl ziemlich entgeistert. Der Angestellte mit der blauen Arbeitskleidung holt mich aus dem Tagtraum zurück.

„Ist etwas mit den Roscoff Zwiebeln nicht in Ordnung?“

„Euh, mais non, alles ist gut.“ Meine Hände liegen immer noch in der Stiege mit den altrosa-kupferfarbenen Zwiebeln. „Die sind gar nicht in Zöpfe gebunden.“ 

„Nein, hier ist das besser so. Nicht alle wollen gleich so viele Zwiebeln auf einmal.“ 

Hier meint im Supermarkt, nicht irgendeinem. Die Kette Grand Frais in Frankreich ist eher ein Feinkostgeschäft in Groß, mit einer eigenen Zwiebelabteilung. Drei Meter fünzig misst das Regal, in dem die Zwiebel in allen Sorten regiert. Roscoff Zwiebeln, süße Zwiebeln aus den Cevennen, kleine Perlzwiebeln, die hervorragende Pickles abgeben, Schalotten, rote Zwiebeln, riesige Zwiebeln aus Toulouges, die im Salat mit Tomaten ein Sommerhit sind. 

„In Deutschland sind die Roscoff Zwiebeln wahnsinnig beliebt. Eine richtige Amour fou.“ Er guckt komisch. „Ganz im positiven Sinne!“, setze ich schnell nach. „In den sozialen Netzwerken starten die Rezepte mit Roscoff Zwiebeln richtig durch. In deutschen Supermärkten werden sie verkauft und alle laufen hin und kochen hinterher groß auf.“ Wirklich, ich war so verblüfft. Über mehrere Wochen tauchen täglich mindestens drei oder vier Gerichte auf, alle mit Roscoff Zwiebeln und immer mit der hellen Freude verknüpft, die in Deutschland gefunden zu haben.

„Echt?!“ Er sortiert einige der Zwiebeln neu in der Stiege, sodass auch der kleine Aufkleber sichtbar wird, der die Zwiebel und ihre geschützte Ursprungsbezeichnung AOP ausweist. „Na ja, liegt vielleicht daran, dass die Deutschen eben auch die Bretagne so lieben. Die hübsche Zwiebel kommt ja von dort.“ Er hält kurz inne. Mit einem Kopfnicken in meinen Korb mit den drei Kilogramm der Zwiebeln fragt er „Und, was kommt bei Ihnen auf den Tisch?“

„Der Klassiker…Zwiebelsuppe.“ Ich grinse ihn an. „Mit reichlich Käse überbacken.“

Er nickt nochmal anerkennend. „Bon Appétit!“ 

Auf jeden Fall. Ich denke kurz an mein Rezept und dann auch an Herrn Engelhardt im Schulgarten. Der hätte sich vermutlich auch heiß und innig in die Hübsche aus dem Norden verliebt.

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Sandy Neumann
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