Herausfinden, was ein gutes Leben ist - Begegnung mit Sandy Neumann

Von Stevan Paul

Zwanzig Jahre ist es her: Ein junges Paar fährt mit dem Auto durch Frankreich, eine erste Reise in den Süden. Das Geld ist knapp und um die Maut zu umgehen, nehmen die beiden Schleichwege und Nebenstraßen. Dann, hinter einem Hügel, öffnet sich vor ihnen das Land in einer überwältigenden Kulisse: Die strauchig bewachsenen Hügel der Corbières flankieren ein freundliches Tal mit Weingärten und Felder-Flecken.

Sandy Neumann Paar

Von Bäumen gesäumte Straßen verbinden die kleinen Dörfer unter einem weiten Himmel. Der Blick der beiden fliegt über das Land bis zu den Austernbänken am Meer. Sandy Neumann, in Thüringen geboren und aufgewachsen, spricht von einem Erweckungserlebnis:

 

„Da hab ich gedacht, das ist ja krass. Ich komme nach Hause“.

 

Vor zwei Jahren war es dann so weit, Sandy und Steffen Neumann bezogen nach langer Suche ein altes Natursteinhaus in den Hautes Corbières, einer so ursprünglichen wie beschaulichen Gegend der Region Okzitanien (französisch: L’Occitanie) zwischen Narbonne und Perpignan. Die alte Bergerie am Rande eines 900-Seelen-Dorfes ist ihnen schnell zweite Heimat geworden. Seitdem pendelt das Paar zwischen Hamburg und den Corbières. Er ist Ingenieur für Informationstechnik, fotografiert zudem professionell und gibt in Frankreich auch Yoga-und Pilates-Kurse. Sie ist Arbeits- und Organisationspsychologin, berät Führungskräfte im Gesundheitswesen. Daneben arbeitet Sandy Neumann als freie Journalistin. Und es gibt ein berufliches wie privates Lebensthema, das sie mit ihrem Mann teilt: „Ich glaube, das ist meine Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass Menschen für sich herausfinden können, was für sie ein gutes Leben ist. Dabei kann ich sie unterstützen.“ Als Paar haben sie die Antwort auf die Frage nach einem guten Leben in Frankreich gefunden. Beiden gelingt dabei auch der beruflich der Spagat: Alle vier bis sechs Wochen wechseln sie die Welten zwischen lärmiger Großstadt und ländlicher Zurückgezogenheit.

War es denn nicht schwer Fuß zu fassen, so als „eingewanderte“ Deutsche, die da ein Haus auf dem Berg gekauft haben?  Sandy Neumann, die als freie Foodjournalistin lange schon zum Thema Frankreich schreibt, erzählt vom Antrittsbesuch beim Bürgermeister:

 

„Ich habe einen Termin gemacht und hatte ein paar Veröffentlichungen aus verschiedenen Magazinen dabei. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch im Tourismus-Rat für die französische Botschaft engagiert – all das waren gute Aufhänger, um vorstellig zu werden.“

 

Und sie ist neugierig, fragt beim Bäcker wie der sein gutes Brot macht, kauft beim Metzger für Fotoproduktionen ein, interessiert sich grundsätzlich und direkt für das Leben der Leute vor Ort, wird überall vorstellig:

 

„Der große Unterschied ist aber wohl, dass wir hier leben und nicht nur vier Wochen im Jahr Urlaub machen. Schon im ersten Jahr hatte ich das Gefühl, es fügt sich alles, das muss so ein. Ich wollte direkt nicht mehr weg.“

 

Sandy und ihr Mann Steffen stammen beide aus Jena und sie kommen von Anfang an gut auch mit der Mentalität der Menschen in den Corbières klar: „Die Leute hier haben etwas Eigensinniges und manchmal auch etwas Rebellisches. Und es gibt hier bestimmte Strukturen, die wir aus dem Osten kennen. Man ist sehr aufeinander angewiesen, wenn man auf dem Dorf wohnt. Man hilft sich gegenseitig, guckt nacheinander. Dieses Leben ist mir nah.“

Im Ort Tuchan gibt es eine Bäckerei und Fleischerei, dreimal die Woche ist Markttag, es gibt eine Apotheke und einen Arzt. Besonders das unkomplizierte Zusammenleben der Gemeinschaft schätzt Sandy:

 

„Man lädt sich gegenseitig ein und das passiert echt dauernd!“

 

Sandy lacht. „Echt ständig sitzt man zusammen, mal eine Einladung zum Apéritif, jemand hat frische Austern für alle geholt und die schlürft man zusammen. Die Winzer bringen den Wein mit.“ Als ich Sandy für dieses Gespräch Ende Februar in Hamburg treffe, schwärmt sie für ein Fest, das im Frühjahr ansteht: Die Calçotada ist katalanischen Ursprungs und bezeichnet sowohl das Gelage selbst wie auch die Spezialität, die dann in rauen Mengen auf den Tisch kommt: Über einem Feuer aus alten Rebholz werden Lauchzwiebeln, calçots, gegrillt. Die jungen Zwiebeln kommen in bester Qualität aus dem Dörfchen Toulouges nahe Perpignan. Über Zeitungspapier werden die schwarz gebrannten Außenblätter per Hand abgezogen, was eine Riesensauerei ist, aber das samt-zarte Innere der Lauchzwiebeln mit ihrem subtil rauchigen Aroma ist die Belohnung. Sauce Romesco wird gereicht. Diese Paprika-Creme besteht aus Knoblauch, Nüssen, Brot, Weinessig und Olivenöl. Dazu trinkt man „viele Pullen Wein“ aus dem AOC Corbières und hat zusammen eine gute Zeit!

Es ist diese Mischung aus Gesellschaft und Genuss, die Sandy inspiriert hat:

 

„Ich arbeite hier mittlerweile für Winzer*innen, entwickle zu deren Weinproben gustatorische Erfahrungsreisen, die in der Region verortet sind.“

 

Dafür arbeitet sie auch mit kleineren lokalen Produzent*innen zusammen: „Ich orientiere mich dabei an der einfachen, ländlichen Küche, versuche aber trotzdem einen neuen, modernen Anstrich zu finden.“ Ob sich das Thema Wein nicht überhaupt am besten über Essen erzählen ließe, will ich von Sandy wissen und sie lacht. „Keine Ahnung, warum so viele Weinmenschen in Deutschland immer erstmal mit Weinsprech um die Ecke kommen. Das versteht übrigens in Frankreich niemand. Wein und Essen gehen und gehören zusammen.“ Beim Kochen für die Degustationen befreundeter Winzer*innen orientiert Sandy sich an den jeweiligen Weinen.

Im vergangenen Jahr hat sie zudem angefangen, nach dem Prinzip des französischen Table d’hôte („Tisch des Gastgebers“) Gäste in wirklich privater Atmosphäre zu bewirten. Es gibt ein von der Gastgeberin festgelegtes Menü, die Gäste kommen und genießen in der Regel drei Gänge am Familientisch der Bergerie. Das funktioniert in der Testphase schon ziemlich gut durch Mund-zu-Mund-Empfehlung. Im Laufe des Jahres will Sandy Neumann die Idee professionalisieren. Zu ihrer Arbeit in Frankreich gehören auch kleine, regional geprägte Kochkurse für die Gäste befreundeter Chambres d’hôtes.

 

 

Diese privat vermieteten Fremdenzimmer sind in Frankreich zentral verbunden und über die Seite chambres-hotes.fr buchbar. Man spricht deutsch, englisch und französisch, ansonsten verfügen die Corbières über eine erfreulich internationale Community. Hier leben, arbeiten und relaxen Schweden, Dänen, Norweger, Engländer, Belgier, Holländer… Und alle helfen einander – auch über die kleineren und größeren Sprachbarrieren hinweg.

Sandy Neumann ist gerne und lange schon kulinarische Botschafterin ihrer neuen Heimat, etwa bei ihrer Arbeit für die Weinverbände von Bordeaux, Provence und Roussillon oder das französische Landwirtschaftsministerium. Ihr Online-Magazin confiture-de-vivre.de („Die süßen Seiten des Lebens“) zeigt und beschreibt das kulinarische Frankreich in allen Facetten, bildreich und mit vielen Rezepten:

 

„Ich begeistere mich immer wieder für das Einfache, die völlig unbeschwerte Herangehensweise an gute Produkte. Es ist eine Selbstverständlichkeit, als Produzent stolz auf die eigene Arbeit zu sein. Und die Menschen lieben es, nicht nur einzukaufen, sondern darüber auch ins Gespräch zu kommen.“

 

Sandy Neumann fragt nach, besucht Küchen, Backstuben, Weingüter und kulinarische Handwerker*innen, notiert, hält fest, gibt weiter:

 

„Mein Zugang zur französischen Küche hat sich auch entwickelt. Mir wird beständig wichtiger, Zutaten so einfach und ursprünglich zu belassen wie nur möglich. Weniger ist mehr – das gilt für mich durch und durch. Mich reizen alte, traditionelle Rezepte, die unmittelbarer Ausdruck eines Landstrichs und ein Stück Kulturgut sind.“

 

Auf dieser Basis entwickelt Sandy ihre Idee einer kosmopoliten französischen Küche auf dem Weg in die Moderne.

Die Corbières sind gesegnetes Land, in der rauen Natur gedeihen Kichererbsen und Linsen, die kalkhaltigen Böden schenken großen Weinen ihren unverwechselbaren Charakter. Vom nahen Meer kommen die Weltklasse-Austern aus dem Étang de Bouzigues und eine weitere rare Spezialität: Anchovis de Collioure! Einst lebten im Fischer- und Künstlerdorf über 40 Familien vom Einsalzen und Reifen der zarten Sardellenfilets. Heute sind es noch zwei Familien, die diese Tradition fortsetzen. Serviert werden die Anchovis in Olivenöl mit Streifen von gerösteter Paprika.

 

 

Sandy Neumann bringt ihren Leser*innen außergewöhnliche kulinarische Schätze nahe, wie auch die Weinbergsrauke, die in der Region zum Unkraut verkommen ist. Es macht Sandy Freude, auf kulinarische Bereicherung wie diese aufmerksam zu machen, etwa mit einem Pesto von der Weinberg-Rauke. Und manchmal darf es für die kulinarische Frankreich-Botschafterin auch die große Bühne sein: Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte sie im vergangenen Jahr in der Showküche der Gourmetgallery mit „Les plaisirs champêtres“ einen Apéritif der Sonderklasse: mit Schinken und Saucissons aus Lacaune, frischen Austern, hausgemachter Oliven-Tapenade und Mini-Tartelettes mit Rotwein-Zwiebeln. Wer dabei war, wird sich erinnern: So schmeckt ein gutes Leben!

 

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